Mittwoch, 03. November 2021

DIW-Präsident zu Rentenstabilisierung: „Meine Sorge ist, dass viele Menschen in Altersarmut fallen“

Immer weniger Erwerbstätige müssen in Deutschland immer mehr älteren Menschen die Rente finanzieren. Dadurch gerät das Rentensystem ins Wanken.

Zu den Mahnern zählt auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher. „Über die Hälfte des Bundeshaushalts wird man in 20 Jahren an Zuschuss für die gesetzliche Rente ausgeben und trotzdem wird es nicht reichen. Das zeigt, wie dramatisch die Situation ist“, warnte er im Deutschlandfunk. Die Prognosen sagten einen massiven Anstieg an Altersarmut voraus: Viele Menschen hätten unterbrochene Erwerbsbiografien und können gar nicht 42 Jahre Vollzeit einzahlen. Vor allem Frauen seien davon betroffen. 

Je länger man warte, desto schwieriger werde es, das Problem zu lösen, so der DIW-Präsident. Eine wichtige Stellschraube sieht er im Renteneintrittsalter. Während manche aus körperlichen und psychischen Gründen gar nicht bis 67 Jahre oder länger arbeiten könnten, seien andere durchaus gerne länger im Beruf. Er plädiert daher für mehr Flexibilität. 

Vorzeitig aus dem Arbeitsleben auszusteigen, ist nur in bestimmten Fällen möglich – und ist mit einer nicht unbeträchtlichen Schmälerung der Rente durch Abschläge verbunden. Ob durch die Einführung der Grundrente solche Abschläge möglicherweise ausgeglichen werden können, lässt sich derzeit nicht absehen.

Zudem liege der Schlüssel für eine gute Rente letztlich darin, „einen guten Job zu haben, möglichst Vollzeit arbeiten zu können oder viele Stunden arbeiten zu können und ein gutes Arbeitseinkommen“. sagte Fratzscher. Zu viele Menschen arbeiteten heute im Niedriglohn-Bereich, mehr als die Hälfte der Frauen in Teilzeit, obwohl sie gerne in Vollzeit tätig wären – bei ausreichenden Kinderbetreuungsangeboten mit hoher Qualität. Und nicht zuletzt werde das Thema Zuwanderung durch die demografische Entwicklung wichtiger denn je – „nicht nur, um Fachkräfteprobleme zu lösen, sondern auch, um Menschen zu haben, die in die Sozialkassen einzahlen“.

Text: Deutschlandfunk, ausgestrahlt am 29.10.2021