Freitag, 28. Januar 2022

Neuer Höchststand: 13,4 Millionen Menschen leben in Deutschland in Armut

Die Corona-Krise hat die Armutsquote in Deutschland auf einen neuen Rekordwert getrieben. Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gelten gut 16 Prozent der Bevölkerung als arm. Hilfen des Bundes hätten noch Schlimmeres verhindert.

Einer neuen Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge hat die Armutsquote in Deutschland in der Pandemie ein Rekordhoch erreicht. 16,1 Prozent der Bevölkerung - das entspricht 13,4 Millionen Menschen - müssten zu den Armen gerechnet werden, heißt es in dem Bericht mit dem Titel "Armut in der Pandemie".

Das sei ein neuer trauriger Rekord, sagte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. Die aktuellen Daten fügten sich in das Bild der letzten Jahre ein: Es lasse sich ein stetiger Trend erkennen, der auch 2020 nicht gebrochen zu sein scheine. 2006 betrug die Quote noch 14,0 Prozent.

Corona-Hilfen haben Schlimmeres verhindert

Dass das ganz große Beben in der Armutsstatistik trotz Pandemie ausgeblieben sei, habe unterschiedliche Gründe, erläuterte Schneider. Rund vier Fünftel der Bevölkerung waren 2020 nicht von corona-bedingten Einkommensverluste betroffen, nämlich Rentnerinnen und Rentner, Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes. Andere lebten als Niedrigeinkommensbeziehende ohnehin bereits unter der Armutsschwelle.

Dass die Armutsquote verglichen zum Jahr 2019 "nur" um 0,2 Prozentpunkte gestiegen ist, ist laut Schneider vor allem ein Hinweis darauf, dass die rasch ergriffenen Unterstützungsmaßnahmen von Bund und Ländern wirkten. Insbesondere das Kurzarbeitergeld, aber auch das Arbeitslosengeld bewahrten laut dem Geschäftsführer viele Menschen in dieser Krise ganz offensichtlich vor dem Fall in die Einkommensarmut.

Dem Bericht zufolge sind insbesondere die Erwerbstätigen die Einkommensverlierer der Corona-Krise - vor allem die Selbstständigen. "Zählte die Mikrozensus-Erhebung 2019 unter den Erwerbstätigen insgesamt 8,0 Prozent und unter den Selbständigen 9,0 Prozent Arme, kommt die neue Erhebung auf 8,7 Prozent bei den Erwerbstätigen und sogar 13 Prozent bei den Selbstständigen."

Große Unterschiede zwischen Bundesländern

Am meisten von der Armut betroffen seien dabei nach wie vor insbesondere Haushalte mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent) sowie Alleinerziehende (40,5 Prozent). Erwerbslose Personen (52 Prozent) und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen (30,9 Prozent) seien ebenfalls stark überproportional betroffen. Das Gleiche gelte für Menschen mit Migrationshintergrund (27,9 Prozent) und ohne deutsche Staatsangehörigkeit (35,8 Prozent).

Im Ländervergleich zeigt sich den Angaben zufolge, dass sich der Wohlstandsgraben zwischen Bayern und Baden-Württemberg einerseits und dem Rest der Republik verfestigt und zum Teil sogar vertieft hat. Kommen die beiden süddeutschen Länder demnach auf eine gemeinsame Armutsquote von 12,2 Prozent, sind es für die übrigen Bundesländer gemeinsam 17,7 Prozent.

Der Abstand zwischen Bayern (11,6 Prozent) und dem am schlechtesten platzierten Bundesland Bremen (28,4 Prozent) beträgt mittlerweile 16,8 Prozentpunkte. Mit außerordentlich hohen Armutsquoten von um die 20 Prozent fallen auch Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt auf.

Caritas fordert schnelle Hilfe

"Einmal arm, immer arm - das ist für immer mehr Menschen eine reale Bedrohung", sagte Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa vor der Veröffentlichung des Armutsberichts. Die Pandemie habe lange angelegte Armutsrisiken sichtbar gemacht.

Laut Welskop-Deffaa brauche es Angebote, "die Menschen unverzüglich helfen, wenn sie - aus welchen Gründen auch immer - in eine Lebenskrise geraten". Eine im Lebenslauf verfestigte Armut dürfte nicht hingenommen werden.

Text: Tagesschau.de vom 16.12.2021